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27. Juni 2017

Vernünftige Angst und Umgang mit Risiken


In meinem letzten Artikel zur Angst vor Technik habe ich diese Angst als irrational dargestellt. Das wurde in den Kommentaren zurecht kritisiert. Ich möchte deshalb ein paar Zeilen zur Vernunft der Angst schreiben. Nicht nur evolutionär ist Angst in Form von angeborenen Fluchtreaktionen vorteilhaft. Es kann auch nach längerem Nachdenken vernünftig erscheinen der Angst nachzugeben. Doch wie gehen wir damit um, wenn der berechtigten Angst ein Nutzen entgegensteht? Wie bewerten wir Technik, bei der Nutzen und Schaden nicht dieselben Menschen treffen?

Zunächst ein Wort der Selbstkritik: Ich habe mehrmals in meinem Artikel von „irrationaler Angst“ geschrieben. Auch wenn im Zusammenhang klar sein dürfte, was hier gemeint war, ist das Wortpaar rational/irrational nicht geeignet, eine sachliche Diskussion anzustoßen. Es grenzt ab. Hier die rationalen Wissenschaftler, die ihr Leben im Griff haben und sich nicht an unsicheren Glauben hängen, dort das uninformierte zur Esoterik neigende Volk mit seinen irrationalen Ängsten und Entscheidungen. Das ist nicht mein Weltbild. Ich bin mir bewusst, dass ich vieles nicht selbst beurteilen kann und in diesen Gebieten Entscheidungen auf Vertrauen oder Bauchgefühl gründen muss. Auch ich treffe irrationale Entscheidungen. Manchmal ganz bewusst.

Obwohl ich mit Radioaktivität und ihren Auswirkungen gut vertraut bin und weiß, wann es ungefährlich ist, gehe ich dem Umgang mit radioaktiven Quellen grundsätzlich aus dem Weg. Dass mir bei Kontakt mit radioaktiven Quellen ein bisschen mulmig ist, ist sicher nicht rational. Solange ich sicher sein kann, keine gefährliche Dosis abzubekommen, könnte ich doch sorglos sein. Jedoch schreibt auch die Strahlenschutzverordnung vor: Jeder ist verpflichtet, „jede Strahlenexposition oder Kontamination von Mensch und Umwelt [..] auch unterhalb der Grenzwerte so gering wir möglich zu halten“.

Auch die Grenzwerte sind nicht kühl kalkuliert und so hoch angelegt wie rational gerade noch vertretbar. Sie sind absichtlich sehr niedrig gewählt. Für Einzelpersonen der Bevölkerung liegen sie bei 1 Millisievert pro Kalenderjahr1 und für beruflich strahlenexponierte Personen bei 20 Millisievert im Arbeitsjahr2. Diese Personen müssen medizinisch überwacht werden, obwohl die Dosis von 20 Millisievert ist so niedrig gewählt ist, dass keine medizinischen Folgen zu erwarten sind. Rein rechnerisch nimmt unter Annahme des LNT-Modells das Krebsrisikos um 0,1% zu, wenn jemand mit 20 Millisievert bestrahlt wurde. Das liegt weit unterhalb der Schwankungsbreite, ist also nicht messbar. Die 1 Millisievert für Privatpersonen liegen sogar ein gutes Stück niedriger als die natürliche Strahlenbelastung, der wir alle ausgesetzt sind.3 Grenzwerte stellen ein Art überzogene Angst dar. Je weniger desto besser. Lieber kein Risiko eingehen. Und weil es nur wenige Fälle gibt wo diese Grenzwerte ein Problem darstellen, ist das auch gut so.

Risiko und Chance

Im Strahlenschutz sind niedrige Grenzwerte recht unstrittig, weil der Kontamination der Umwelt oder der Bestrahlung von Mitarbeitern kein direkter Nutzen entgegensteht. Mit vertretbarem Aufwand können wir physikalische Experimente oder Kernkraftwerke betreiben ohne die Belegschaft oder gar die Allgemeinheit einer hohen Belastung auszusetzen. Das ist bei medizinischen Anwendungen der Radioaktivität grundlegend anders.

Radioaktive Bestrahlung eines Tumors kann Krebs heilen, weil die Strahlung in ausreichenden Dosen Krebszellen töten kann. Zugleich schadet die Strahlung benachbarte gesunde Zellen und Hautzellen, durch die sie hindurch muss. Wirkung und Nebenwirkung stehen einander gegenüber. Radiologie und Medizinphysik stehen vor einem Dilemma: Mit steigender Strahlendosis steigt sowohl die Chance den Krebs zu heilen als auch das Risiko einer gefährlichen Nebenwirkung. Wenn wir es mit einem bösartigen Tumor zu tun haben, steht an beiden seiten der Tod. Keine Behandlung wäre ebenso tödlich wie eine viel zu hohe Dosis. Dazwischen gibt es ein Optimum, bei dem die Chance auf Heilung ohne Komplikation maximal ist. Das ist die medizinisch richtige Dosis4 für die Behandlung.

Im Gegensatz zum Strahlenschutz, wo mögliche Wirkungen von Bestrahlung und Kontamination grob überschätzt werden können, ohne dass es zu einem Problem wird, ist im medizinischen Einsatz von Strahlung eine realistische Einschätzung der Nebenwirkung wichtig um nicht systematisch zu niedrige Dosen zu wählen.

Wo Risiko zur Gefahr wird

Risiken einzugehen um daraus einen Nutzen zu ziehen gehört zum täglichen Leben. Wir machen das, wenn wir uns trotz Unfallrisiko entscheiden, mit dem Auto in den Urlaub zu fahren. Das Auto statt der Bahn zu nehmen erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall. Dafür gewinnen wir Mobilität am Zielort. Wir wägen, wie oben beschrieben, auch in der Medizin zwischen Heilungschancen und möglichen Nebenwirkungen ab. Auf größerer Skala geht der Staat mit der Betriebsgenehmigung für Atomkraftwerke Risiken ein. Dafür tragen sie zur Energieversorgung bei.

Im Buch über Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist mir eine nützliche Unterscheidung zwischen Gefahr und Risiko begegnet. Luhmann nennt es eine Gefahr, wenn Schäden auf Schicksal oder Unglück zurückgeführt werden, wenn also keine Person durch ihre Entscheidung dafür verantwortlich zeichnet. Führen wir einen Schaden dagegen auf eine menschliche Entscheidung zurück, so handelt es sich um ein Risiko. Da heute kaum noch Götter oder das Schicksal für Schäden verantwortlich gemacht werden, spricht Luhmann von einer Risikogesellschaft. Selbst bei Naturereignissen wie einem Tsunami oder einer Flut fragen wir oft, wer versäumt hat für den entstandenen Schaden Vorsorge zu treffen. Wer das Risiko verantwortet hat.

Eine wichtige Feststellung ist, dass das Risiko des einen eine Gefahr für andere sein kann. Gehe ich das Risiko einer Autofahrt ein, so werde ich für andere zu einer Gefahr. Betreibe ich mein Handy in einem Zug, so kann das von anderen Menschen als Gefahr wahrgenommen werden. Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen Atomkraft aussprechen, nehmen die Bedrohung durch ein Atomkraftwerk nicht als selbst eingegangenes Risiko wahr, sondern als eine Gefahr, die durch dritte verursacht wird. Politisch sind Fälle problematisch, in denen die Gruppe der Profitierenden von denen der Geschädigten abweichen. Setzten wir die Grenzwerte so strikt wie wir können um der Angst zu begegnen oder überwiegt der Nutzen derer, die die Technologie einsetzen. Wer darf wen wie stark gefährden? Auch wenn Menschen nicht selbst entscheiden können ein Risiko einzugehen, weil sie von anderen (den Mächtigen) einer Gefahr ausgesetzt werden, ist die Abwägung heikel. Welche Risiken darf eine Demokratie im Namen ihrer Bürgerinnen und Bürger eingehen?

Die eigene Machtlosigkeit ist ein wichtiger Aspekt in der Einschätzung von Gefahren. Flugangst mag zu einem großen Teil deshalb verbreiteter sein als die Angst in einem Auto mitzufahren, weil die Entscheiderin, die Pilotin im Cockpit nicht greifbar ist. Wir fühlen uns ihren Entscheidungen stärker ausgeliefert als wenn wir mit dem Autofahrer zusammensitzen. Vielen Menschen hilft es die Flugangst zu überwinden, wenn sie sich vorstellen, dass die Pilotin auch sicher landen und zu ihrer Familie zurück will. Ein anderer Trost gegen Angst scheint es zu sein, wenn niemand verantwortlich gemacht werden kann. Vor natürlicher Radioaktivität hat kaum jemand Angst. Menschen meiden die Nähe von Atomkraftwerken nicht aber den Urlaub im Harz5. Auch gegen Infektionskrankheiten können wir nicht wirklich etwas tun. Vielleicht ist das ein Aspekt der Antwort auf Lars Fischers Frage Warum habt ihr keine Angst? Weil wir Keime als Teil der Natur wahrnehmen, sind sie eine natürliche, durch niemanden verursachte Gefahr und kein selbst eingegangenes Risiko.

(Mehr in: Quantenwelt)

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About admin

Der Naturwissenschaftler Dipl.-Math. Klaus-Dieter Sedlacek, Jahrgang 1948, studierte in Stuttgart neben Mathematik und Informatik auch Physik. Nach fünfundzwanzig Jahren Berufspraxis in der eigenen Firma widmet er sich nun seinen privaten Forschungsvorhaben und veröffentlicht die Ergebnisse in allgemein verständlicher Form. Darüber hinaus ist er der Herausgeber mehrerer Buchreihen unter anderem der Reihen „Wissenschaftliche Bibliothek“ und „Wissenschaft gemeinverständlich“.