Wir autopoietischen Systeme

Im Advent habe ich mich mit Hilfe des Einführungsbuchs Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme von Georg Kneer und Armin Nassehi mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann vertraut gemacht. Hier möchte ich Ihnen ein paar Eindrücke von diesem Zugang zu Sozialwissenschaften geben.

Wissenschaft hat immer die Aufgabe, ein großes, zusammenhängendes Ganzes gedanklich in Einzelteile zu zerlegen. Dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt, ist zwar eine korrekte Beobachtung, nur hilft sie für ein tieferes Verständnis der Welt nicht weiter. Wissenschaft braucht also Theorien, mit denen Strukturen sichtbar und untersuchbar gemacht werden. Eine Möglichkeit, die Welt gedanklich in Wirkeinheiten zu zerlegen, ist die Unterscheidung von Systemen, die weitgehend selbstständig funktionieren und von der Umwelt abgegrenzt sind.

Ganz naiv stellte ich mir eine Systemtheorie der Gesellschaft so vor, dass verschiedene Funktionseinheiten der Gesellschaft (Unternehmen, Schulklassen, Vereine, Familien) als Systeme betrachtet werden, in denen Menschen miteinander agieren und von der Umwelt abgegrenzt sind. Es findet viel mehr Interaktion innerhalb des Systems als über die Systemgrenzen hinweg mit der Umwelt statt. Das mag eine Systemtheorie sein, sie mag sogar in vielen Fällen brauchbar sein, sie hat aber eher wenig mit Luhmanns Theorie sozialer Systeme zu tun.

Autopoietische Systeme

Nach Luhmann sind soziale Systeme selbsterzeugende und selbsterhaltende Systeme1 aus Kommunikation. Nicht Menschen sind die kleinsten Einheiten der Systeme sondern Kommunikationen. Kommunikation beschreibt Luhmann als einen Auswahlprozess von Information, Mitteilung und Verstehen. Damit ist klar, dass Kommunikation nicht einem Menschen zugeordnet werden kann, es sind mindestens zwei Menschen nötig, damit Kommunikation möglich ist. Und wenn wir uns über Gesellschaften unterhalten, dürfen es gerne ein paar mehr sein.

Die Abstraktion Luhmanns geht aber noch ein gutes Stück weiter. Nach seiner Theorie sind Menschen gar nicht Teil eines soziales Systems. Sie sind vollständig außerhalb des Systems und gehören zu seiner Umwelt. Das erscheint erstmal erstaunlich, ist aber auf dem zweiten Blick schlüssig.

Menschen und Bewusstsein

Menschen sind nach Luhmann selbst keine Systeme und auch keine Elemente des Systems. Sie bestehen aus verschiedenen Systemen: Nervensystem, Immunsystem, psychisches System und andere. Zwischen diesen Systemen gibt es grundsätzlich keinen Austausch. Nehmen wir als Bespiel das Nervensystem und das psychische System eines Menschen. Das Nervensystem ist ein selbstbezügliches Netzwerk aus Neuronen, in dem Zustandsänderungen einzelner Neuronen weitere Zustandsänderungen anderer hervorrufen.

Das psychische System ist ebenfalls ein selbstbezügliches System, das aber aus Gedanken und Vorstellungen besteht. Hier erzeugen Gedanken neue Gedanken. Auch wenn Nervensystem und psychisches System nicht unabhängig voneinander existieren können, haben unsere Gedanken keinen direkten Zugang zu neuronalen Zuständen und umgekehrt. Solch eine unauflösbare Verbindungen von Systemen, zwischen denen es keinen Austausch von Komponenten gibt, wird bei Luhmann als strukturelle Kopplung bezeichnet.

Solch eine strukturelle Kopplung besteht auch zwischen psychischen Systemen und sozialen Systemen. Psychische Systeme (also wir) bestehen aus Gedanken, soziale Systeme aus Kommunikation. Gedanken können Kommunikation reizen und Kommunikation kann Gedanken reizen, aber es gibt keinen direkten Übergang von Gedanken in soziale Systeme und weiter in andere psychische Systeme. Kommunikation ist kein Gedankenaustausch.2 Wir haben auch durch noch so gute soziale Systeme keinen direkten Zugang zu den Gedanken anderer Menschen.

Gesellschaft

Für die Sozialwissenschaft ist entscheidend, wie sich soziale Systeme, also Gesellschaften differenzieren. Hierfür scheinen mir die Begriffe Beobachtung und Codierung entscheidend. In Luhmanns Theorie können Kommunikationen beobachten, indem sie etwas Bezeichnen und dabei unterscheiden. Sie können also unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, Wahr und Falsch, Wissenschaft und keine Wissenschaft und anderes. Hier spielt das Gesetz vom fehlenden Dritten rein, von dem ich mal im Artikel zur Quantenlogik geschrieben habe. Dieses Gesetz ist ein Nebeneffekt des Zerlegens sozialer Handlungen in einzelne Beobachtungen. Eine Beobachtung trifft eben nur eine zweiwertige Unterscheidung, aber dieselbe Sache kann unter verschiedenen Bezeichnungen unterschieden werden. Dadurch gibt es selbstverständlich mehr als zwei Möglichkeiten Dinge zuzuordnen.

Beobachten kann eine Kommunikation und damit ein soziales System natürlich alles. Einschließlich sich selbst. Eine Beobachtung einer Beobachtung nennt Luhmann Beobachtung zweiter Ordnung. Damit wären wir bei der Sozialwissenschaft selbst angekommen. Eine umfassende Theorie gesellschaftlicher Systeme muss natürlich die Gesellschaftswissenschaft selbst mitbeschreiben. Luhmann hat den Anspruch, dass seine Theorie universell ist, dass sich mit diesem Ansatz jede form sozialer Interaktion beschreiben lässt. Vom profanen Smalltalk bis zur Systemtheorie selbst.

Universalität bedeutet aber nicht, dass diese systemtheoretische Theorie die einzige Theorie ist, mit der Gesellschaft beschrieben werden kann. Sie ist allumfassend aber nicht exklusiv. Sicher lässt sich einiges auch mit anderen Ansätzen beschreiben. Vielleicht sogar besser. Mir erscheint die Systemtheorie nach dieser ersten Einführung jedenfalls vielversprechend. Etwas sperrig zunächst, weil der Abstraktionsgrad recht hoch ist, aber vielleicht ist das gerade eine Stärke. Systemtheorie erklärt Gesellschaft mit gehörigem Abstand. Das ist etwas, was von Wissenschaft mit einigem Recht oft erwartet wird.

(Mehr in: Quantenwelt)