Warum wir Wert auf eine persönliche Note legen

Heidelberg. „Dazugehören“ und trotzdem unverwechselbar sein – das wollen die meisten Menschen. Doch die passende Balance zwischen Gemeinsinn und Ego liegt bei jedem ein bisschen woanders. Das berichtet das Magazin Gehirn und Geist in seiner neuen Ausgabe (7-8/2013). „Während der eine sich eher über seine Gruppenzugehörigkeit definiert und die Regeln und Normen des Kollektivs bereitwillig übernimmt, ist für den anderen schon die Vorstellung ein Graus. Statt auf Kleidervorschriften und Umgangsformen legt er Wert auf Unabhängigkeit und seine persönliche Note“, schreiben der Hamburger Sozialpsychologe Hans-Peter Erb und Susanne Gebert.

Um diese Eigenart von Personen zu auszuloten, entwarfen amerikanische Psychologen bereits in den 1970er Jahren einen speziellen Fragebogen, der inzwischen auch auf Deutsch vorliegt. Auf der Skala „Need für Uniqueness“ (kurz: NfU) rangiert dabei weit oben, wer auf ein unabhängiges Urteil wert legt oder sich gern auffällig kleidet. Abweichungen vom persönlichen Ideal – egal, ob wir uns nun „zu 08/15“ oder „zu eigen“ vorkommen – verursachen dagegen schlechte Gefühle.

Das jeweilige Bedürfnis nach Einzigartigkeit wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. So zeigen Studien, dass Zeitgenossen mit schwachem Drang nach Individualität sich leichter von ihren Mitmenschen beeinflussen lassen und ungewöhnliche Produkte oder Designs meiden. Dies ist zwar ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal, dennoch können bestimmte Situationen die Balance zwischen Ich und Wir kurzzeitig verändern. Gibt man einer Person etwa zu verstehen, dass sie in einem Persönlichkeitstest als „graue Maus“ abgeschnitten hat, so versucht sie meist, durch betont individuelles Verhalten gegenzusteuern: Sie bevorzugt ausgefallene Kleidung oder vertritt offensiv eine Minderheitsmeinung.

Das konnte die Psychologen Roland Imhoff und Hans-Peter Erb experimentell bestätigen. Sie baten Probanden, einen Persönlichkeitstest auszufüllen, zu dem sie entweder die Rückmeldung erhielten, sie hätten ausgeprägte individuelle Eigenschaften, oder aber, sie befänden sich mit ihrer Persönlichkeit im „grauen“ Normbereich. Letzteres führte dazu, dass die Betreffenden sich bei einer nachfolgenden Befragung von der vermeintlichen Mehrheitsmeinung distanzierten und sich zum Beispiel für die Abschaffung der Speisewagen in den Zügen der Deutschen Bahn aussprachen. Probanden, die sich in ihrer Einzigartigkeit bedroht sahen, neigten dagegen eher zur Minderheitsmeinung.

Menschen mit starkem Bedürfnis nach Einzigartigkeit sind im Schnitt extravertierter und offener für neue Erfahrung. Womöglich liegt darin der Grund, warum sie oft zu einem Motor für Innovationen in der Gesellschaft werden. Neue Wege zu gehen, beinhaltet immer auch das Risiko zu scheitern – ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens in die eigene Person ist dafür unentbehrlich. Unternehmen tun folglich gut daran, die Individualität seiner Mitarbeiter nach Kräften zu stärken – dem kreativen Output ist das eher förderlich. (Quelle: Gehirn und Geist, 7-8/2013)

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