Neue Theorie wie unser Gehirn funktioniert


Heidelberg. Unser Denkorgan macht ständig vorausschauende Annahmen über die Welt „da draußen“ und führt sie mit den Sinnesdaten zusammen. Neurowissenschaftler sehen darin ein grundlegendes Funktionsprinzip des Gehirns. Das berichtet die neue Ausgabe des Magazins Gehirn und Geist (4/2013). Der besondere Vorzug dieser Arbeitsweise: Sie spart viel Zeit. Auf Prognosen gestützt kann das Gehirn schneller reagieren als wenn es alle einlaufenden Informationen erst analysieren muss.

Das Verfahren ist aus der Elektrotechnik bekannt: Statt das gesamte Datensignal auszuwerten, reicht es oft aus, nur Abweichungen vom erwarteten Wert zu betrachten. Das minimiert den Übertragungsaufwand und erhöht das Verarbeitungstempo. Doch auch im Alltag hat das Phänomen teils kuriosen Folgen. Wenn wir zum Beispiel von hinten in eine Gesichtsmaske schauen, bekommen wir den irrtümlichen Eindruck, sie wölbe sich uns entgegen. Der Grund: Unser Gehirn stülpt das Bild virtuell um, damit es plausibler erscheint. Auch halten wir eine geschickt platzierte Gummihand für unsere Gliedmaße, sobald das Gehirn sie als Teil des eigenen Körpers interpretiert.

Die Idee vom Hypothesen testenden Gehirn formulierte zuerst Wahrnehmungsforscher; heute wird es auch auf kognitive Leistungen angewendet. Karl Friston, Professor für Neurologie am University College London, hat auf ihrer Basis ein mathematisches Modell entwickelt, das es erlaubt, Vorhersagen über die neuronale Aktivität zu machen. So wird die Theorie empirisch überprüfbar. (Quelle: Gehirn und Geist, April 2013)

Buchtipp:
Synthetisches Bewusstsein: Wie Bewusstsein funktioniert und Roboter damit ausgestattet werden können