Mädchen haben weniger Talent?

Haben Mädchen im Schnitt weniger mathematisches Talent als Jungen? Das wurde von Professor Gerhard Roth im Interview in einem aktuellen GEO-kompakt Heft “Intelligenz, Begabung, Kreativität” (Nr. 28 – 09/11) propagiert. Der Kollege Roth ist nicht irgendwer, sondern Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen, und laut GEO „einer der renommiertesten deutschen Neurowissenschaftler“. Zusätzlich argumentiert er auch als Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

GEO Kompakt Stopper

Das GEO-Heft hat mir beim Schulvortrag an einem Gymnasium in Berlin eine entrüstete Lehrerin unter die Nase gehalten: und in der Tat, es ist ein Skandal. Der beginnt auf der sechsten Seite des Interviews, wo Herr Roth erstmal mit undifferenzierten, summarischen Urteilen seine eigenen Studienstiftler beleidigt:

Unter den Hochbegabten, mit denen ich es als Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes zu tun habe, befinden sich etwa fünf Prozent “Inselbegabungen”, meist für Musik und Mathematik, und die weisen zum großen Teil soziale Defizite oder Verbalisierungsschwächen auf.        

(Ob er mich auch meint? Jedenfalls habe ich mathematische Begabung mitgebracht, und bin stolz und dankbar für die Förderung durch die Studienstiftung. Meine Verbalisierungsschwächen führe ich hier vor.) Dann generalisiert er ganz unsinnig bei der nächsten Frage nach der Korrelation von mathematischer und musikalischer Begabung:

Ja, die hängen oft zusammen, das ist genetisch bedingt. Die Fähigkeiten werden von eng beieinander liegenden Hirnarealen unterhalb unseres Scheitels hervorgerufen. Diese Regionen haben, wie wir wissen, mit Raumlogik und Raumwahrnehmung zu tun. Viele große Mathematiker waren musikalisch hoch talentiert, viele große Musiker mathematisch exzellent. Einstein etwa, und umgekehrt Bach.        

(Wobei aber Einstein ein miserabler Geiger gewesen sein soll, und ich über die Raumwahrnehmung von Bach nur spekulieren kann.) Aber dann geht’s weiter, und wird nur noch schlimmer. Dann kommt nämlich die Frage nach den geschlechtsspezifischen Begabungen:

In der Tat sind Jungen im räumlichen Bereich und darum mathematisch und musikalisch etwas besser talentiert, es gibt ja auch wenig bedeutende Mathematikerinnen und Komponistinnen. Selbst frühkindliche Förderung holt diese Differenz bei Mädchen offenbar nicht auf. In allen Tests schneiden sie in der räumlichen Vorstellung nicht so gut ab wie die Jungen. Deutlich besser sind Mädchen dagegen bei der Verbalisierung sowie in Hinblick auf ihre sozialen und emphatischen Fähigkeiten, also den Umgang mit anderen Menschen.        

Nächste Frage: “Hat das mit ihren Hirnstrukturen zu tun?” Antwort:        

Ja. Die beiden Sprachzentren, das Wernicke- und das Broca-Areal, sind bei Frauen, jedenfalls statistisch gesehen, größer und besser durchblutet.        

Und gleich weiter, Frage: “Ist vielleicht auch die Intelligenz je nach Geschlecht unterschiedlich entwickelt?”

Das ist ein sehr interessantes Feld. Bis vor fünf Jahren ist weltweit jeder Experte, Mann oder Frau, von einem kleinen, aber robusten Intelligenzunterschied der Geschlechter ausgegangen: Die Frauen lagen vier bis sechs IQ-Punkte hinter den Männern, jedenfalls in der großen Statistik. Seit man aber Mädchen und junge Frauen intensiver fördert, verliert sich das: Der Mittelwert ist kaum noch zu unterscheiden.               

Nun könnte man aber auch sagen, dass diese Entwicklung das Ergebnis eines Artefakts ist: Würden die Jungen genauso gefördert wie vielerorts inzwischen die Mädchen, dann würden sie die wieder überholen.        

Anders gesagt: Jungs sind intelligenter (so um die 4-6 Prozent), aber das wird heutzutage durch besondere Förderung ausgeglichen. Wobei der Herr Professor Roth doch gerade noch behauptet hatte, dass das schwächere mathematische Talent bei Mädchen auch durch Förderung NICHT auszugleichen sei? Die Position ist also nicht konsistent.         

Man müsste eigentlich sofort seinen Rücktritt als Chef der Studienstiftung fordern. Dafür kommen wir aber leider (oder gottseidank) zu spät: der 69-Jährige ist am 2. Dezember 2011 durch den Juristen Professor Dr. Dr. h.c. mult. Reinhard Zimmermann abgelöst worden. Und die Position von Herrn Roth ist auch nicht die Position der Studienstiftung. Antwort auf meine Nachfrage: 

Die Studienstiftung strebt als Förderziel einen Anteil von 50 Prozent Frauen unter den Stipendiaten an (vgl. Jahresbericht 2010, Jahresüberblick unseres Generalsekretärs Dr. Gerhard Teufel, S. 19). Aktuell haben wir einen Förderanteil von 48 Prozent und arbeiten an verschiedene Maßnahmen, um diesen Anteil weiter zu erhöhen.

Die Roth’schen Thesen gehen aber auch von einem biologistischen und einseitigen Begriff von “Talent” aus. Wieso soll “mathematisches Talent” so wesentlich von “Raumlogik und Raumwahrnehmung” abhängen? Und “musikalisches Talent” genauso? Herr Roth hat offenbar nicht begriffen, wie vielfältig Mathematik ist – und wie vielfältig mathematisches Talent ist. 

Auch die statistischen Behauptungen werden in dem Interview ohne Belege und ohne Differenzierungen propagiert. Wen da Details interessieren, der findet eine solide statistische Metastudie zu mathematischen Leistungen (also auch Begabungen?) in einem Aufsatz “Debunking Myths about Gender and Mathematics Performance”, der in der Januarausgabe 2011 der Notices of the American Mathematical Society erschienen ist. Vielfältige Daten und Auswertungen zu verschiedenen populären Hypothesen und Behauptungen – etwa zu der des damaligen Harvard-Präsidenten Lawrence Summers, der 2005 die These öffentlich vortrug, Intelligenz sei bei Männern stärker gestreut als bei Frauen, und daher gäbe unter den Hochbegabten weniger Frauen. 

Und wer den Statistiken nicht traut, der kann am Beispiel lernen. Der erfolgreichste Teilnehmer an den Internationalen Mathematik-Olympiaden aller Zeiten ist Lisa Sauermann aus Dresden (vier mal Gold, einmal Silber)….     

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