Hochgeschwindigkeitszüge in China

Die wirtschaftlichen Zentren Chinas liegen in Beijing, Shanghai und im PRD. Um das Wachstums dieser Regionen und des ganzen Landes weiterhin zu sichern, fördert die chinesische Regierung ein milliardenschweres Infrastrukturprogram. Bis 2020 entsteht ein engmaschiges Transportsystem, in dem die Megastädte des Landes mittels Hochgeschwindigkeitszüge verbunden sind.

 

Hochgeschwindigkeitsnetz

Wer noch vor wenigen Jahren mit dem Zug aus dem südchinesischen Guangzhou ins zentralchinesische Wuhan fahren wollte, benötigte viel Zeit und starke Nerven. Je nach Qualität und Auslastung der eingesetzten Züge, dauerte solch eine Reise leicht mehrere Tage. Die Züge waren in der Regel älteren Datums, die Strecken schlecht ausgebaut und es kam häufig zu Störungen. Diese Situation ändert sich derzeit gewaltig. Seit dem 26. Dezember 2009 gehören diese nervenaufreibenden Zugfahrten der Vergangenheit an. An diesem Tag wurde die Hochgeschwindigkeitsstrecke Guangzhou – Wuhan eröffnet. Mit den neuen Hochgeschwindigkeitszügen ist diese ca. 1.000 Kilometer lange Strecke in drei Stunden zu bewältigen. Diese Verbindung läutet den Beginn einer neuen Ära im chinesischen Transportsystem ein. Bis 2020 sollen alle größeren Zentren an dieses Netz angeschlossen werden. Gefördert und finanziert wird dieses Infrastrukturprojekt von der chinesischen Zentralregierung, mit dem Ziel ein modernes Hochgeschwindigkeitssystem zu schaffen, dass hohe Transportkapazitäten bewältigt und gleichzeitig den Flugverkehr zwischen den Metropolen verringern soll.  

Die Geschichte der Hochgeschwindigkeitszüge in China ist relativ jung. Die ersten Züge, die Geschwindigkeiten von mehr als 150 km/h erreichten, verkehrten zwischen Hongkong, Shenzhen und Guangzhou. Solche regionalen Zugsysteme existieren mittlerweile in sämtlichen Metropolen des Landes. Interregionale Verbindungen solchen Typs sind aber häufig noch sehr selten.

Die neuen Hochgeschwindigkeitszüge übertreffen diese regionalen Lösungen sowohl in Geschwindigkeit als auch im Komfort. Auf der Strecke Guangzhou – Wuhan werden Höchstgeschwindigkeiten von 350 km/h erreicht. Und dies ist noch nicht das Maximum. Es werden mittlerweile Trassen errichtet, auf denen Geschwindigkeiten von 400 km/h erreicht werden sollen. Generell hat dieses Transportsystem innenpolitische Priorität. Derzeit werden 40 Hochgeschwindigkeitstrassen gebaut, während sich weitere 200 in Planung befinden. Im Jahr 2020 soll auch die Bahnstrecke Beijing – Hong Kong fertiggestellt sein, auf der in acht Stunden mehr als 2.000 Kilometer zurück gelegt werden sollen.

Stadtplanerische Einbindung

Auf der zweiten International Conference on China’s Urban Transition and City Planning in Cardiff (UK) Ende Mai war das chinesische Hochgeschwindigkeitsnetz ein viel diskutiertes  Thema. Dr. Jochem de Vries von der University of Amsterdam hielt einen vielbeachteten Vortrag, der die Bedeutung des Hochgeschwindigkeitsnetzes für die städtische Entwicklung beleuchtete. Die große Besonderheit ist, dass dieses Netz scheinbar isoliert vom bisherigen Schienennetz existiert. Die Bahnhöfe gleichen Flughäfen, die weit außerhalb der Zentren errichtet werden. In Wuhan ist der Bahnhof so weit vom Zentrum entfernt, dass Reisende für diese Fahrt mehr als eine Stunde mit dem Taxi benötigen. Auch der Bahnhof in Guangzhou liegt mehr als 15 U-Bahn Stationen vom Zentrum und dem alten Hauptbahnhof entfernt. Es stellt sich also die Frage, wieso dieses Hochgeschwindigkeitsnetz die Zentren nicht direkt anbindet.

Die Begründung ist vielseitig. Einerseits werden so Konflikte mit Anwohnern vermieden, wie sie derzeit bei uns in Stuttgart zu beobachten sind. Innerstädtische Großprojekte sind auch in China nicht mehr so einfach umzusetzen, wie es noch vor mehreren Jahren der Fall war. Insbesondere in wohlhabenderen Regionen wissen sich Anwohner gegenüber der Politik und Großprojekten zu wehren. Zusätzlich nutzen die Stadtverwaltungen die neuen Bahnhöfe, um periphere Regionen innerhalb der Stadtgrenzen planerisch neu zu gestalten. Um die riesigen Bahnhöfe entstehen neue Wohn- und Geschäftsviertel. Befeuert werden diese Projekte durch das gewaltige Konjunkturprogramm, das während der Finanzkrise im Jahr 2009 aufgelegt wurde. Viele Stadtverwaltungen nutzen diese zusätzlichen Gelder, um die Planungsbereiche auszuweiten oder zu vergrößern.
Trotz der Vorteile, die durch eine höhere Geschwindigkeit entstehen, werden diese Projekte auch in China kritisch diskutiert. Der Zeitgewinn durch die Hochgeschwindigkeitsverbindungen wird dadurch aufgehoben, dass sich die Bahnhöfe außerhalb der alten Zentren befinden. Einzig in Shanghai entsteht ein Anschluss an das alte Stadtzentrum. Zusätzlich wächst die Kritik an den hohen Ticketpreisen für diese Verbindungen. Besonders für ärmere Bevölkerungsschichten ist eine Fahrt mit diesen Zügen nicht erschwinglich. Zusätzlich werden langsamere Direktverbindungen zugunsten der schnelleren gestrichen. Eine Fahrt zwischen Guangzhou und Wuhan, die zuvor ca. 11 Stunden benötigte, dauert mit herkömmlichen Zügen heute sogar länger als zuvor.

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